Urbi et Orbi

Wie Gezeiten, mal lauter, mal leiser werdend, schwappte mir die Musik von Fellini’s Prova d’Orchestra entgegen.

Mal dachte ich, sie komme von vorne, dann eher von der Seitengasse links, aber am wahrscheinlichsten kam sie von rechts. So wie alles Ideologische nur von rechts bis extrem rechts kommen kann, als zwanghafte Verschwörung gegen jegliche Vernunft oder minimalsten Verstand. Und hier sowieso, wo ich mich gerade befand, rechter Hand beim Vatikan. Tatsächlich sah ich nach ein paar Schritten am Ende der nächsten Seitengasse die Rückseite dieses Kirchenstaates. Der einzige Staat mit einer Rückseite, weil er nur aus Gebäuden besteht. Ich bog in diese Seitengasse und folgte der Orchesterprobe, die immer deutlicher wurde, deutlicher auch die Befehle in einem Staccato-Italienisch deutscher Art. Der Dirigent, sicher ein teutonischer Arier, wiederholte immer dasselbe, wie ein Dementer: „Ta kapo, ta kapo!“


In diesem Gässchen, entlang der unschönen Fassade, die wörtlich genommen keine Fassade in Sinne einer Facciata, eines Gesichtes, sein konnte, weil sie eben gar kein Gesicht hatte, höchsten eine vernachlässigte Fratze, also entlang dieser architektonischen Unform, trottete lustlos ein Maulesel daher und schleppte einen Einachser mit sechs Ballen Stroh beladen hinter sich her. Wenn das Fuhrwerk nicht angehalten hätte, wäre mir die kleine Türe in der Mauer gar nicht aufgefallen. Sie öffnete sich, wie auf Befehl, und ein wachsener Glatzkopf in schwarzer Sutane stand im Rahmen. Er musterte die Strohballen, gab ein Zeichen und trat zurück. Der Fuhrmann trug vorsichtig alle sechs Ballen ins Innere. Im Türrahmen stehend streckte er die Hand hinein,  ergriff die Noten, verbeugte sich unterwürfig und zog mit dem Maulesel davon. Früher hätte ich mit der Kamera hantiert und sicher die besten Momente verpasst, aber heute, mit dem iPhone, klick!, und das Bild ist eingefangen.

Hinter mir hörte ich wieder Schritte, genau gesagt Huftritte. Unregelmässige Schläge mit oft schleifenden Geräuschen. Es waren die harten Klauen eines weissen Säugers, die auf den Kopfsteinpflastern ausrutschten. Ein Prachtstier, mit schön gebogenen Hörnern. Beeindruckend waren die grossen prallen Euter. Mag sein, dass zweideutige Assoziationen nur einem Männerhirn entspringen können, aber in Anbetracht heutiger Zielvorstellungen könnte auch mancher Frau das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das Euter war durch das vom Bauch her auslaufende Fell fein behaart, wurde dann flaumiger und endete etwa im Radius von zehn Zentimetern in eine glatte rosafarbene Haut um die festen Zitzen herum. Die Zitzen (oder Striche) selbst hatten etwa drei Zentimeter Durchmesser und waren sicher zehn Zentimeter lang. Sie waren leicht gebogen, als hätten sie eine Spannung drauf, einen inneren Druck.

Ich war ganz verblüfft als sich die Tür wieder öffnete und dieser schmierige Glatzkopf da stand und grinsend mit der Zunge über die Lippen fuhr. Er schaute lüstern, das konnte ich gut sehen, auf das Euter. An einem Riegel hebelnd öffnete er noch den zweiten Flügel, und der Hirt schob die Kuh hinein. Noch während die Tür verriegelt wurde, fummelte der Pfaff mit der Linken in den Hosentasche des Hirten und drückte einige Noten hinein.

 

Eigentlich war ich extra nach Rom gereist, um auf dem Petersplatz das Ritual des päpstlichen Segens „urbi et orbi“ zu erleben. Aber als ich schon am Vortag das Gedränge und Geschubse ertragen musste und zur Überzeugung kam, dass ich da mindestens einen Feldstecher benötigen müsste, um etwas sehen zu können, entschied ich mich, irgendwo vor dem Fernseher zu sitzen. Und zum Glück verfolgte ich am nächsten Tag diese Zeremonie vor dem Fernseher. Viele Situationen wurden da so nahe heran gezoomt, die ich auf dem Petersplatz nie gesehen hätte.

Auf dem Balkon herrschte Aufregung. Alles wurde nochmals überprüft und man wartete gespannt auf die Erscheinung von Papst Benedikt. Dann, plötzlich, huschten zwei schwarze Kaplane zur Seite und zogen einen Vorhang mit sich. Und da stand er, Benedikt, leicht gebückt von der Schwere seines Amtes oder seines Alters. Als er aufblickte und wir alle in sein Gesicht schauten, gab es einen kurzen Atemstillstand. Schon waren die zwei Kaplane zur Seite und tupften mit weissen Tüchern die pontifikalen Wangen um den Mund ab. Aber was war das, was uns erstarren liess? War das nicht Schaum um den Mund? Etwa Rasierschaum? Oder, mir kamen spontan die Euter der weissen Kuh in den Sinn, etwa der Schaum frisch gemolkener, warmer Milch? Der bleibt lange kleben. Das weiss ich aus eigener Erfahrung.  


Ein weiteres Zoombild folgte als er in allen Sprachen versuchte, die Grussworte zu verkünden. Bei der Profilaufnahme hatte man lange einen direkten Blick die vielschichtige Bekleidung des „Papa Razzi“, wie die Italiener den Bauernsohn und ehemaligen Kardinal Ratzinger nannten. Am Hals sah man den Kragen der weissen Soutane und sogar einen kleinen Streifen der Mozzetta. Darüber lag das grüne Messgewand über dem das Pallium hing. Aber was war da, das so blitzschnell zwischen den Stofflagen hervorlugte und wieder verschwand? Und jetzt, ja, war das nicht so etwas wie ein Schwanz? Es schien, dass auch der Kameramann von dieser überraschenden Show gefesselt wurde und vergass, die Kamera zu bewegen. So hatte man Zeit, dieses Standbild genauer zu betrachten. Und da kam eine weitere Kuriosität zum Vorschein. Im linken oberen Bereich konnte man unter den Pendilien-Bänder der Mitra, die Vittae, Symbole für das Alte und Neue Testament,  einige goldene Strohhalme wild in den Haaren stecken sehen. Es fehlte nur noch der Geruch. Der säuerlich-ätzende toxische Gestank nordischer Ställe oder der heimelig süss riechende Duft trockenen Strohs von den Cascine des Mittelmeeres. Gegensätze die sich auch im Kirchengeläut widerspiegeln. Pompös-dominantes einschüchtern-des Getöse, donnernd und polternd im Norden und melancholisch-lamentierendes und spielerisch-hüpfendes Gebimmel im Süden. Soviel Landleben im Vatikanstaat? Und „urbi et orbi“, das der Stadt (Rom) und der Erde (Erdenkreis) bekanntmachen, verkünden von ... irgendwas.

Nachdem das Spektakel vorbei war und ich die Fernsehbilder des von Menschen überquellenden Petersplatzes mit den Nahaufnahmen von verzückten und ekstatischen Gesichtern gesehen hatte, kamen mir wieder die kurzen, profan und primitiv wirkenden Bildepisoden in den Sinn, die Hinterseite der Fassade, die kein Gesicht hatte.

 

2012/2015

Guslandi Gualtiero, Luzern

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

AKTUELLES
ESSAYS / TEXTE

So

30

Aug

2015

Urbi et Orbi

Wie Gezeiten, mal lauter, mal leiser werdend, schwappte mir die Musik von Fellini’s Prova d’Orchestra entgegen.

mehr lesen 0 Kommentare

Sa

18

Jul

2015

SINGHIOZZI SILENZIOSI E LO SGUARDO FISSO (QUASI BLOCCATO)

Seduto, vor sich eine endlose Vedute mit einem sguardo fisso erfasst, als würde sich auf dem langen Horizont all das abspielen, cosa la vita ha dato incluso tutto quello che ha trattenuto, was natürlich genau das Schönere gewesen wäre. Sogno, nient’altro che sogno. Wer weiss, ist nicht der Traum der einen sehnsüchtig werden lässt?

mehr lesen 2 Kommentare

So

03

Mai

2015

Baffini-Inseln

Wo sind denn eigentlich diese Baffini-Inseln? Ich habe auch auf einer uralten Weltkarte wie verrückt gesucht aber nichts gefunden. Nach deinen mir verbliebenen Wortfetzen sollten sie sich nordwestlich von Skandinavien befinden. Aber wo genau?

mehr lesen 0 Kommentare