SINGHIOZZI SILENZIOSI E LO SGUARDO FISSO (QUASI BLOCCATO)

Seduto, vor sich eine endlose Vedute mit einem sguardo fisso erfasst, als würde sich auf dem langen Horizont all das abspielen, cosa la vita ha dato incluso tutto quello che ha trattenuto, was natürlich genau das Schönere gewesen wäre. Sogno, nient’altro che sogno. Wer weiss, ist nicht der Traum der einen sehnsüchtig werden lässt?

 

Seduto in poltrona, tönt recht polternd, als wäre ein rompiscatole nebenan, ein Schachtelnzerreisser! Solche Störefriede gibt’s überall in allen Sorten und Ausführungen. E indovinono sempre nuove; genau, sie erfinden nicht, das wäre viel zu hoch eingestuft, sie haben einen zufälligen Treffer wie beim Lotto zugesprochen bekommen. Oft sind sie dann ratlos, wie sie mit solchem Schmarren, una merda da schifo, so unheimlich viel Geld machen. Nun, ich sitze immer noch in der Poltrona, sehnsüchtig, nostalgico. Nostalgia? Ist eigentlich nicht genau dasselbe wie Sehnsucht, ist nicht nur der Vergangenheit nachtrauern.

Eine Sucht drückt eine Abhängigkeit aus, un vizio. Man kann nicht anders. Denn man sehnt sich nach etwas, aber man erreicht es nicht. So etwas wie aspirare – un aspirapolvere – einen Staubsauger. Ein Sehnsüchtiger wäre demnach ein Suchtsauger oder Saugsüchtiger, beides pathologische Fälle die sicher krankenkassenzulässig sind. Un nostalgico ist aber ein besonders Befähigter. Un architetto, ein Bogendachbauer, also ein Brückenschläger zwischen zwei Welten, der zwischen der als wirklich empfundenen und der als unwirklich empfundenen Welt vermittelt. Il nostalgico vede, fortunatamente (glücklicherweise) dalla sua posizione e con lo sguardo strabico ambedue mondi, sieht also dank des Schielens beide Welten. Und phänomenal dabei ist, dass es übers Kreuz geht, d. h. mit dem linken Auge sieht er die rechte Welt und mit dem rechten die linke. E di mezzo il centralino, hier sitzt (im Lehnsessel oder Poltrona) das Hirn, die Zentrale.

 

Sie vergleicht, stellt fest, nimmt wahr, kombiniert, schlussfolgert; und erkennt die Diskrepanz, den Bruch (die Verwerfung; geolog.). Dazwischen also der Riss, der nichts ist, nicht materiell, den man nicht unbedingt sehen muss. Für einen Haarriss (crepa di pelo?) benötigt man oft eine Lupe, nicht aber bei einem Zahnwurzelriss, der schmerzt fürchterlich ohne ihn sehen zu müssen. Also das Hirn erkennt den daraus ergebenden Schmerz, il dolore, la sofferenza, das Leiden. Das Leiden wegen eines Risses, der nichts ist aber da ist und keine bedeutungsvollere Tatsache aufzeigt als die Trennung. Ich glaube, beim Baum der Erkenntnis, der als Apfelbaum, un melo, dargestellt wird, geht es um das Auseinanderfallen der Ganzheitlichkeit, die Trennung – un vero melodramma.

Perciò, la nostalgia va messa in scena, va drammatizzata: con una mela dal melo. Mit einem Apfel des Apfelbaumes – e con tutte le storie intorno la mela del peccato – des Sündenapfels, trauern wir um die Trennung. Ci lamentiamo, soffriamo, sospiriamo, malediciamo, piangiamo, urliamo, gridiamo, singhiozziamo. Man leidet die Traurigkeit und sehnt sich nach einem Lichtblick, auf eine Erlösung, die erst noch kommen muss. Weil man weiss, wie es in der Vergangenheit noch vor der Trennung war, sehnt man in die Zukunft, auf das was noch kommen muss.

 

Diese Fähigkeit, Leiden zu trauern und Traurigkeit zu leiden ist den Italikern gegeben. Kein anderer kann das Leben besser leiden, die Sehnsucht nicht nach der Vergangenheit sondern nach der Zukunft ertragen und durchleben. Die Spannung in den Sehnen, wenn man bis zum Äussersten ausgestreckt nach dem Apfel - der Mela – greifen will, getrieben von der Sucht, oder besser von der Verzückung, vom tiefsten Verlangen, macht einen willig und bereit, unglaublich viel zu ertragen, auch Schweres. Und zwar im positiven Sinne, im Spiel, im Drama – drammatizzando. Mut haben zum Schweren und Sinn sehen im Trüben, das ist malinconia, Melancholie. Una nostalgia melanconica oder eine sehnsüchtige Melancholie, das bringt einen zum Schluchzen, ti fà singhiozzare. Oder man bekommt den Schluck auf, un singhiozzio, wenn man mit „festgeschraubtem“ oder erstarrtem Blick, con lo sguardo fisso, si vede passare tutte queste cose impossibili, auf dem langen Horizont, un orizzonte orribile – terribile! (Denn wir sind auf Erden).

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Kommentare: 2
  • #1

    conny von Moos-Vonarburg (Samstag, 25 Juli 2015 17:37)

    - Schniff - Schluchz....
    "Man kann nicht anders!"
    - Bleib "Italikern"
    - und "Mut zum Schweren"

    Herrliches grazie

  • #2

    Conny von Moos-Vonarburg (Samstag, 25 Juli 2015 18:00)

    Zu Baffini-Inseln-Menschen:
    Weisst Du, dass diese ebenso keine Farben benennen.
    Schluchz......

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